Mädchen vor Afrikagraffiti
South Africa,  Travel

Mein Jahr in Südafrika

Hi guys,

Ich melde mich endlich mal wieder. Seit 7 Monaten bin ich jetzt schon zurück in Deutschland und ich muss zugeben, dass es echt einige Monate gedauert hat, bis ich wieder wirklich hier angekommen bin. Als mich Mom, Domenico und meine Oma am Flughafen abgeholt haben, war ich natürlich froh sie endlich mal wieder zu sehen aber der Gedanke, dass der Abschnitt Südafrika endgültig vorbei sein soll, war für mich schwer zu begreifen.

Ich habe die komplette Fahrt vom Flughafen bis nach Hause geweint und konnte nicht fassen, dass ich wieder in Deutschland bin. Zuhause haben meine Großeltern, mein Onkel und mein Dad auf mich gewartet und waren froh, dass ich heil wieder zuhause angekommen bin. Es hat echt mein Herz zerrissen diese Freude zu sehen, sie aber nicht wirklich erwidern zu können. Für mich ist eine kleine Welt zusammengebrochen, am liebsten wäre ich einfach in Südafrika geblieben aber das ging natürlich nicht.

Meine Mom hatte für abends ein paar Freunde zum Chili sin carne essen eingeladen. Es war richtig schön alle mal wieder zu sehen aber ehrlich gesagt war alles zu viel für mich. Die ganzen Eindrücke, Menschen und gleichzeitig das Gefühl, dass ich etwas, was echt ein Teil von mir geworden ist, einfach zurückgelassen habe und innerhalb von ein paar Stunden einfach wieder in mein altes Zuhause/Leben katapultiert wurde.

Masifunde Team beim Abschied am Flughafen
Meine Familie und ich am Tag meiner Rückkehr

Jetzt, mit etwas Abstand, konnte ich das Jahr viel besser reflektieren und möchte einige Gedanken mit euch teilen. In den letzten paar Wochen hab ich außerdem meine ganzen Fotos & Videos sortiert und habe angefangen ein Fotobuch zu gestalten und habe aus den Videos einen kleinen Film gemacht. Diesen Film möchte ich gern mit euch teilen, damit ihr nochmal einen etwas besseren Eindruck von meinem Jahr in Südafrika bekommt. Ich habe das ganze Jahr über viel gefilmt und habe versucht alle möglichen Situation einzufangen, nicht nur auf den Reisen aber natürlich sind auch viele Aufnahmen von meinen Reisen dabei, weil man im Alltag meistens nicht so viel filmt und ich es teilweise einfach vergessen habe.

Die ersten paar Wochen waren echt nicht leicht für mich, weil ich ständig hin und hergerissen war zwischen „ach bin ich froh, dass ich meine Familie wieder hab“ und „boah ich wäre so gern wieder in Südafrika, Deutschland ist zu grau, die Menschen sind zu langweilig und insgesamt war in Südafrika alles besser“. Das hat sich aber mit der Zeit etwas gelegt und ich konnte auch endlich wieder die Vorteile am Deutschland sehen.

Unser Jahr war, wie ihr ja teilweise schon mitbekommen habt, nicht nur wunderschön, es gab auch echt einige negative Situationen, die in den Videos natürlich auch nicht vorkommen. Alles in allem könnt ihr aber einen ganz guten Überblick über unsere schönsten Momente und auch teile unseres Alltags bekommen. Ich hab echt einige Stunden/Tage/Wochen in diesen Film gesteckt und hoffe, dass er euch, obwohl ich kein Profi im Videoschneiden etc. bin, gefällt.


Wenn ich gefragt werde, wie mir das Jahr gefallen hat bzw. wie ich das Jahr zusammenfassen würde, hatte ich anfangs echt Probleme ein ganzes Jahr mit so vielen Ereignisse in einen Satz zu packen, hab dann aber irgendwann die perfekte Beschreibung gefunden. Intensiv. Das ist für mich die perfekte Beschreibung. Wir hatten eine wirklich intensive Zeit und ich erzähle euch jetzt wieso.

Fangen wir ganz vorne an. Ich wurde mit 6 anderen Freiwilligen zusammengewürfelt, die ich noch gar nicht kannte, was definitiv hätte schief gehen können. Zum Glück haben wir uns untereinander richtig gut verstanden und haben fast jede freie Minute zusammen verbracht. Wir haben fast alles zusammen gemacht und viel erlebt. Durch die vielen gemeinsamen Erlebnisse, ob positiv oder negativ, sind wir echt zusammengewachsen.

Nachdem in unser Haus eingebrochen wurde, während wir zuhause waren, haben wir sogar fast komplett auf unsere Privatsphäre verzichtet. Wir haben am Ende mit 7 Leuten in 2 Zimmern gewohnt, weil keiner mehr allein schlafen wollte. Das war eine wirklich intensive Zeit, die nicht viele Gruppen überstehen würden. Wir haben immerhin nicht nur auf ziemlich engem Raum zusammen gewohnt sondern auch zusammen gearbeitet. Das ist wirklich selten. Selbst, wenn man verheiratet ist und zusammen lebt arbeitet man meistens nicht zusammen und sieht sich deshalb nicht non-stop. Also wie gesagt ich glaube intensiv beschreibt unsere Beziehung sehr gut.

Letztes Gruppenfoto am Sundowner

Intensiv war auch die Arbeit als Freiwilliger. Für mich war es nicht nur das erste Mal, dass ich richtig gearbeitet habe, auch das neue Umfeld, die neue Kultur und so weit weg von meiner Familie zu sein waren sehr ungewohnt für mich. Ich hatte erst einige Startschwierigkeiten in den Bereichen, in denen ich gearbeitet habe, weil mich die Kinder in der Primary School nicht verstanden haben, weil sie noch nicht viel Englisch konnten und meine Prefects aus der 7.Klasse einfach nicht gekommen sind. Mit der Hilfe meiner netten Kollegin aus der Walmer High School Library Zoli und den neuen Prefects ging das dann aber immer besser. Auch bei Connecting Continents war der Start leider nicht reibungslos, weil die Kids einfach nicht zu den Stunden kamen und wir erst neue Teilnehmer suchen mussten.

Es ist mir anfangs wirklich etwas schwer gefallen reinzukommen, weil mir nicht immer klar war, was genau ich machen soll und wie ich handeln soll, weil nicht wie in der Schule immer ein Lehrer da war, der mir genau gesagt hat, was ich machen soll. Diese Verantwortung und vielen Herausforderungen waren für mich anfangs echt etwas überfordernd und ich bin froh, dass ich so nette Kollegen hatte, dir mir etwas geholfen haben. Es hätte mir wahrscheinlich sehr geholfen, wenn ich vorher schon mal gearbeitet hätte und etwas erfahrener gewesen wäre. Ich finde es generell nicht unbedingt gut, dass die meisten Freiwilligen Abiturienten sind, die oftmals noch gar keine Arbeitserfahrung haben.

Ich hatte auch einige wirklich schöne Momente an meiner Arbeit. Ich habe mich mit meinen neuen Prefects in der Walmer Primary School Library richtig gut verstanden und hatte viel Spaß mit ihnen , besonders bei unserer Teambuilding Excursion an den Strand. Die Excursionen waren so oder so immer ein Highlight auch, wenn man dafür am Wochenende arbeiten musste. Ich war auf einigen Teambuildings, war mit meinen Connecting Continents Kids im Kragga Kamma Game Reserve, war mit ein paar High Schoolern beim Whale Watching und vieles mehr.

Mit meinen CC Kids hatte ich auch ziemlich viel Spaß. Wir haben zusammen mit der CC Gruppe in Deutschland ein Fotografie Projekt gemacht, bei dem wir zu bestimmten Themen Fotos gemacht haben, aus denen dann ein Memorie kreiert wurde. Dafür sind wir viel herumgelaufen und haben Fotos von Transportmitteln, Geschäften, typischem Essen, Traumberufen etc. gemacht. Es war zwar auch immer etwas stressig, weil der Fotograf manchmal einfach nicht kam oder wir andere organisatorischen Probleme hatten aber ich vermisse meine CC Gruppe schon echt.

Global Learning Introduction Event für die Primary School
Whale Watching Excursion zwar ohne Wal aber mit Delfinen
Meine Connecting Continents Gruppe beim Kochen typisch südafrikanischer Weihnachtsgerichte
Meine CC Kids mit den selbst bemalten T-Shirts

Nach dem Einbruch hatte ich an der Arbeit leider ein totales Tief, weil mir einfach alles zu viel war. Ich musste jedes Mal, wenn ich durchs Township gelaufen bin darüber nachdenken, ob die Person, die mir gerade begegnet die Person ist, die bei uns eingebrochen ist und konnte mit Stress gar nicht umgehen. Am Tag nach dem Einbruch hatte ich eine Kunst Stunde mit den 5. Klässlern und konnte mich gar nicht konzentrieren. Die ganzen Kinder und Geräusche haben mich so überfordert, dass ich heulend ins Office zu Anne bin und mich erstmal beruhigen musste. In die Primary School bin ich auch erstmal nicht, weil wie gesagt einfach alles zu viel für mich war.

Damit kommen wir jetzt zu einem der intensivsten Momente/Zeiten. Jonas, mein Chef, hat uns nach dem Einbruch nicht nur netterweise in seinem Haus aufgenommen sondern auch Traumacounceling Termine für uns ausgemacht. Shannon, die Therapeutin, bei der ich war, war super nett und konnte mir vieles zu Traumata erzählen, damit ich verstehe, dass, was ich da durchgemacht habe normal ist. Sie meinte, dass es verschiedene Stadien der Traumabewältigung gibt und witzigerweise hat das bei mir zu 100% gestimmt. Es gib von Trauer über Wut hin zu Akzeptanz.

In der Phase habe ich sehr viel geweint, konnte kaum schlafen und war dementsprechend nicht unbedingt die beste Arbeitskraft. Ich wünschte es wäre anders gelaufen aber da kann man nun mal nichts machen. Ich hab dann versucht alles etwas zu verdrängen, hätte ich das nicht gemacht, wäre ich wahrscheinlich nach Hause geflogen und am Ende war ich zwar deutlich ängstlicher, konnte die letzte Zeit aber trotzdem noch genießen.

Nach einigen Wochen in Deutschland habe ich auf einmal gemerkt, wie gut mir die Sicherheit tut, so richtig überwunden hatte ich das Trauma aber noch nicht. Es gab eine Phase, in der ich fast jede Nacht krasse Alpträume von irgendwelchen Überfällen/Messerstechereien hatte. Ich glaube, weil ich mich auf einmal wieder sicherer gefühlt habe kam alles nochmal hoch. Mittlerweile hab ich solche Träume fast gar nicht mehr und ich glaube, dass ich mein Trauma so langsam überwunden habe. Wurde aber auch mal Zeit, es hat immerhin fast 1 Jahr gedauert.

Wir wurden in dem Jahr ja echt einige Male überfallen und, obwohl ich sehr viel mehr positive Erlebnisse hatte, kann ich die paar negativen Momente einfach nicht vergessen. Ich würde so gerne, wenn mich jemand fragt, wie denn mein Jahr war sagen, dass es wunderschön war und ich so viel gelernt und gesehen habe und alles einfach perfekt war aber so war es nun mal nicht. Wären die Überfälle nicht gewesen, wäre natürlich auch nicht alles perfekt oder nur wunderschön gewesen aber ich hätte wahrscheinlich trotzdem ein positiveres Wort als „intensiv“ genommen, um das Jahr zu beschreiben einfach, weil die positiven Momente überwogen hätten. Aber es fühlt sich nicht richtig an die negativen Erfahrungen einfach zu ignorieren, deshalb finde ich „intensiv“ perfekt, weil es sich sowohl auf etwas Positives als auch auf etwas Negatives beziehen kann.

Ich wünschte ich hätte vorher gewusst, wie gefährlich es in Südafrika wirklich ist. Mir wurde zwar immer wieder gesagt, dass es eins der gefährlichsten Länder der Welt ist aber dadurch, dass ich vorher noch nie in einem Land war, dass so krasse Probleme mit Kriminalität hat, konnte ich mir die Sicherheitslage nicht gut vorstellen. Und auch der Schein trügt. Als wir in Walmer ankamen, hat mich das Wohngebiet mit den großen Häusern und Gärten trotz hoher Zäune eher an Amerika erinnert als an Afrika und kam mir dadurch glaube ich zu vertraut vor, um die Sicherheitslage zu erkennen. Ich glaube den anderen ging es ähnlich, deshalb war der erste Überfall wie ein Weckruf. Danach waren wir deutlich vorsichtiger aber leider blieb es dann nicht bei dem einen Überfall.

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich nicht weiß, ob ich Freiwilligen Dienste in einem Land wie Südafrika zu 100% weiterempfehlen würde, wenn es noch ganz viele Länder gibt, die deutlich weniger gefährlich sind und genauso Hilfe gebrauchen können. Ich finde Südafrika wirklich wunderschön, liebe die Diversität, Kultur und Menschen und will auf gar keinen Fall sagen, dass man ganz aufhören sollte Freiwillige nach Südafrika zu schicken aber ich würde definitiv empfehlen sich nur für Südafrika zu entscheiden, wenn man sich wirklich mit der Sicherheitslage auseinandergesetzt hat, man weiß, dass man mit Stresssituationen umgehen und mit Einschränkungen leben kann und nicht zu naiv ist und denkt, dass solche Sachen immer nur anderen passieren. Es ist die Realität, es ist einfach ein gefährliches Land, obwohl ich dazu sagen muss, dass wir sehr viel Pech hatten und, so weit ich weiß, noch keinem Freiwilligen Jahrgang so viel passiert ist wie uns.

Am Ende sind das zwar Erfahrungen, die ich nicht unbedingt gebraucht hätte aber ich glaube, dass wir durch diese Erfahrungen deutlich mehr gelernt haben als andere, denen nichts passiert ist. Ich habe in dem Jahr insgesamt so viel gelernt, allein dadurch, dass man mehr oder weniger gezwungen ist sich mit Themen wie Armut, Gleichberechtigung oder Rassismus auseinanderzusetzen und nicht nur von Büchern oder anderen Menschen davon hört sondern diese Dinge selbst sieht/miterlebt. Ich habe gelernt wirklich dankbar zu sein für alles, was ich habe. Für mein Familie, Gesundheit, ein großes Haus mit großem Garten, genug Geld, genug Essen, meine sehr behütete Kindheit, meine Bildung, durch die ich gefühlt unbegrenzte Möglichkeiten habe, für ein funktionierendes Gesundheitssystem und Rechtssystem, die Sicherheit in Deutschland und so viel mehr.

Ich habe mich wirklich nie hingezogen gefühlt zu meiner Heimat und wollte schon immer weg und es gibt auch echt einige Sachen, die mir in Deutschland nicht ganz so gut gefallen wie in anderen Ländern. Beispielsweise könnte es deutlich mehr Sonnenstunden geben und alles könnte etwas lockerer sein, außerdem fehlt mir das ganze Tanzen und Singen in gefühlt jeder freien Minute und das Meer aber alles in allem bin ich schon sehr zufrieden wie alles hier in Deutschland läuft. Wahrscheinlich funktioniert alles nur so gut, weil es viele Regeln gibt und es nicht ganz so locker ist wie in anderen Ländern. Gerade jetzt in der Coronazeit bin ich froh, dass wir so ein gutes Gesundheitssystem und eine gut funktionierende Regierung haben.

Auch, wenn das Jahr nicht nur wunderschön war, bin ich unglaublich dankbar für die vielen Erfahrung, die vielen Reisen, für die vielen Menschen, die ich kennenlernen durfte und, zu denen ich teilweise immer noch Kontakt habe, für die Chance etwas zu verändern selbst, wenn es nur etwas kleines ist wie als weiße Person durchs Township zu laufen und es so vielleicht irgendwann normal wird, dass dort nicht nur schwarze sondern auch weiße Menschen herumlaufen oder einem Kind etwas Hoffnung und Freude zu geben.

Außerdem hab ich mich gerade durch die schwierigen Phasen so viel besser selbst kennengelernt, bin viel selbstbewusster und eigenständiger geworden und habe gelernt, dass Liebe die eine Sache ist, die alles verändert. Ich glaube, dass, wenn alle Menschen anderen Menschen mit mehr Liebe begegnen würden und anstatt andere direkt zu judgen, versuchen würden zu verstehen woher die Person und kommt und wieso sie handelt, wie sie handelt und andere Menschen einfach so akzeptieren würden wie sie sind, wir deutlich weniger Probleme auf dieser Welt hätten. Leute ich sag‘s euch, Liebe ist der Schlüssel. Let’s spread love! ❤️

Ich wünsche euch allen noch frohe Ostern und gesegnete Feiertage ☺️

See ya:)

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